Früh am Tag war es nicht, als wir nach der Anreise am Sonntagnachmittag noch den Klettersteig zur Heidachstellwand nahe der Erfurter Hütte erklommen.
Früh war es jedoch in der Bergsaison, und die Wiesen blühten ausgiebig. Der 5-Gipfel-Klettersteig im Rofangebirge verbindet 5 Gipfel mit Routen unterschiedlicher Schwierigkeit und bietet über 2km Länge steile Ferrata-Passagen und Wanderabschnitte. Der Klettersteig an der Haidachstellwand (1840 - 2192 m, B/C) bricht nach allen Seiten mit mehr oder minder hohen Wänden ab.
Ausgeschrieben als Tour für Klettersteige und Bergtouren (KS02), verbrachten wir einige Zeit auch mit dem Betrachten und Fotografieren der Alpenwelt. Unsere „Besetzung“ zu zweit (am Abreisetag kam noch eine Absage) erlaubte eine sehr individuelle Tageseinteilung und ließ uns immer wieder einhalten: Trupps von Schneesperlingen flogen ruhelos umher, waren aber nicht so furchtlos wie die Alpendohlen, die sich bei unserer Rast schnell einfanden, um Nahrhaftes zu erhaschen. Murmeltiere pfiffen, um vor uns zu warnen, und beäugten uns neugierig. Man hätte durchaus denken können, sie wollten Wegezoll verlangen oder uns fragend ansehen: Was wollt ihr in unserem Reich?
Kühe wurden erst am 23. und 24. Juni auf die Almen getrieben und bimmelten dann morgens schon den Tag ein. Gleichzeitig blühte die Adonisblättrige Mutterwurz, die zu den besten Futterpflanzen für das Vieh gehört, da sie reich an Fetten und Proteinen ist. Alpenkäse wird oft mit ihr gewürzt.
Vom Standquartier Erfurter Hütte starteten wir morgens bei 12-16°C, aber die Sonne „brannte“ tagsüber ordentlich, und der Schweiß floss auch bei Temperaturen von später um die 24°C. Zur Rofanspitze gingen wir durch die steile sog. "Grubastiege", nach der es flacher vorbei an der Grubalacke Richtung Grubascharte ging. Nordöstlicher war der Gipfel der Rofanspitze in Sicht. Auf 2259 m sahen wir in unmittelbarer Nähe das Vordere Sonnenwendjoch im Süden und den Rosskopf im Norden.
In der Ferne breitete sich das idyllische Zillertal aus. Wir sahen den weiteren Wegverlauf, der unmissverständlich auf den unüberwindbar scheinenden Zacken des Sagzahn zusteuert. Nach kurzem seilversicherten direkten Anstieg saßen wir auf dem Gipfel.
Von unten kommt ein Pärchen herauf, sie trägt eigentlich nur eine „Handtasche“, ihr Begleiter schwitzt deutlich mehr: er trägt einen 80 Liter-Rucksack. Ob beide den gleichen Bergspaß während ihrer Wandertage haben? Nachmittags auf der Erfurter Hütte ist die Kalorienzunahme des „Sherpas“ jedenfalls deutlich höher als bei der „urbanen Hikerin“ mit modischen Accessoires.
Dem vorhergesagten Schlechtwetter wollten wir unbedingt entgehen, stiegen schnell ab, aber selbst 200 m vor der Hütte kann man noch bis auf die Haut durchnässt werden, wenn es nur so schüttet! Nachmittags erschien der Achensee von der Terrasse in einem verlockenden türkisblau, oft sehr intensiv, mit Kitesurfern und Touristenschiffen, über ihm Paraglider, die bei guter Thermik über eine Stunde an den Hängen des Rofans und des Karwendels schwebten. Doch bei unserem Gewitter war der See nur noch eine mittelgrau-silbrige Fläche.
Wir sahen in den Tagen sehr viel Silberwurz (Dryas octopetala): ein exemplarischer Klima-Indikator glazialer Perioden und ein Wahrzeichen der alpinen Flora in den europäischen Hochgebirgen, der ca. 100 Jahre alt werden kann und noch Bruchteile eines Millimeters pro Jahr wächst. In Torfen wurden Überreste von der Silberwurz gefunden, „Dryas-Torfe“ genannt, die damit mehrerer Kälteschwankungen in wechselhaften Klimaphasen am Ende der Weichsel-Kaltzeit nachweisen können. Das massenhafte Auftreten dieser Pflanzen führte zur Benennung dieser drei Kaltphasen in Älteste Dryaszeit, Ältere Dryaszeit und Jüngere Dryaszeit, die jeweils durch Wärmeschwankungen voneinander abgegrenzt sind.
Die dritte Tour führte zur Rotspitz, Dalfazer Joch, Streichkopf und über die Dalfazalm zurück. Nur an dieser Alm und dem Weg zur Rofan-Seilbahn waren viele Touristen unterwegs, ansonsten nur wenige Bergwanderer – sehr angenehm!
Statt Klettersteig am Hochiss (C/D) ging‘s am letzten Tag zum Spieljoch (1840 - 2236 m, C), weniger anspruchsvoll, aber …. Edelrid war auf dem Kopf, doch Edelweiße waren die positive Überraschung: an der oberen Gratkante, mitten im Klettersteig, blühten etwa 30 Edelweiße, wegen ihrer wolligen Behaarung auch Wullkraut genannt. Die Haare sind Verdunstungsschutz, Schirm gegen Abkühlung und gegen UV-Strahlung und verschwinden im Tal unter anderem Mikroklima
Eine gelungene Zeit mit kühlen Bergtagen, wenig belaufenen Wegen und Steigen, tollen Ausblicken, Almwiesen voller Blumen (auch seltenen und streng geschützten),
„Zustieg“ per Seilbahn, Halbpension à la carte, ein sehr üppiges Frühstückbuffet, ….. und dann ging es zurück in die (leider) heiße Rheinebene.
Text: Ralf Flachmann
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